Statt einer Postkarte…

Ich habe in diesem Jahr keine Postkarten geschrieben aus dem Urlaub. Aber im Nachhinein hatte ich doch Lust, ein bisschen was aufzuschreiben. Voilà…

Wir haben eine Woche an einem schönen Ort verbracht, wo oft das einzig vernehmbare Geräusch das Rauschen eines kleinen Bergbachs war. Dieser Ort lag ca. 3 km entfernt von La Brigue, einem Bergdorf in den Alpes maritimes, unweit der italienischen Grenze.

Der Bergbach sah allerdings nicht so lieblich aus, wie er klang. Denn im Oktober letzten Jahres wurde die Region vom Sturm Alex (der in Deutschland wohl Brigitte hiess?) ziemlich verwüstet. Der natürliche Bachlauf, der an unserer kleinen gîte vorbeiführte, wurde ganz und gar durch eine Stein- und Gerölllawine verschüttet. Sie haben den Wasserlauf wieder freigebuddelt, aber von unserer Terrasse sah man inmitten der Bäume eine Steinwüste, in deren Mitte eben ein kleiner, ein sehr kleiner Bach lief, der kurz vor der Terrasse aber versickerte und unterirdisch weiterlief. Links davon ein armdicker Schlauch, der die Wasserversorgung aus den in den Bergen gelegenen Quellen sicherte. Deshalb war die Aussicht von unserer Terrasse, über die man in unsere Unterkunft gelangte, nicht unbedingt idyllisch-schön, sondern realistisch-schön. Doch das kontinuierliche Rauschen war ein sehr angenehmer Klang und tat meinen Ohren sehr gut. Dass es in unserer Unterkunft weder Telefonempfang noch Internet gab, tat auch zwischen den Ohren ganz gut, habe ich mir jedenfalls eingebildet.

Dieser Sturm Alex, bzw. dessen Folgen, begegneten uns während unseres Aufenthaltes häufig. Das, was überall sonst „die Krise“ ist und keinerlei weiterer Erklärung bedarf, war hier zweitrangig, denn diese andere Katastrophe betraf die Menschen viel stärker: Häuser waren weggerissen worden, die Orte von jeder Versorgung abgeschnitten, der Nachbarort Tende war 2 Monate ohne fliessendes Wasser, die Straßen – enge kurvige Strecken, die sich an der Felswand entlangschlängeln – sind teils immer noch gesperrt, teils durch Ampelsysteme so organisiert, dass der Verkehr aus beiden Richtungen abwechselnd eine durch Bauarbeiten verengte Stelle passieren kann. Wegen dieser Umstände haben nicht wenige Bewohner die Gegend verlassen. Zu dem Zeitpunkt, als wir dort waren, fiel mir auf, wie sehr ich davon ausgegangen war, dass Corona überall gleich präsent war. Inzwischen überschatten die aktuellen Assoziationen zum Thema Flutkatastrophe meine damaligen Eindrücke.

Mustafa und ich sind es nicht gewohnt, an einem Ort zu sein, an dem man nicht ununterbrochen oder doch fast ständig alles kaufen kann. Das war in Paris selbst natürlich noch mehr der Fall, aber auch an unserem jetzigen Wohnort sind zu Fuß oder mit dem Rad Geschäfte erreichbar, auch sonntags oder abends, wo man schnell noch einkaufen kann, was man vergessen oder worauf man spontan Lust hat. Die Aussicht, mehrere Kilometer entfernt vom nächsten Bergdorf Urlaub zu machen, hat uns wohl etwas verunsichert: Wir haben sehr viel eingekauft auf dem Weg von Nizza, wo wir am Freitag aus Paris mit dem Zug hingefahren und eine Nacht im Hotel geblieben sind, um am nächsten Tag ein Auto zu mieten.  Es war das vierte oder fünfte Mal, dass wir das über eine App namens getaround gemacht haben. Vorwiegend Privatleute bieten dort ihre Autos an. Bis auf die erste waren alle Erfahrungen damit überwiegend positiv. Diesmal war es Angela, deren Auto wir gemietet haben und von der wir bei dessen Rückgabe erfuhren, dass sie Polizistin ist und sich von Paris aus nach Nizza der Sonne wegen versetzen ließ, aber eigentlich zusammen mit ihrer Familie zurück nach Guadeloupe möchte.  In den Kofferraum ihres blauen Renault Clio packten wir also tütenweise Lebensmittel, um auf alle möglichen Eventualitäten vorbereitet zu sein.

Doch schon am Sonntagmorgen hatten wir die Gelegenheit, einen Markt zu besuchen, bzw. den Markt, denn alle Menschen der Gegend nutzen ihn, um sich mit frischen Lebensmitteln für die Woche zu versorgen. Die Haupthändler, für Käse, Obst und Gemüse kommen aus Italien. Die lokalen Einkäufer sind ihnen dankbar, dass sie das ganze Jahr kommen und nicht nur in den paar Sommermonaten, in denen die Touristen das Geschäft wahrscheinlich erst für sie interessant machen. Es gab aber auch einige kleinere Stände, an denen regionale Produkte verkauft wurden. Der Markt spielte sich auf einem Platz im Dorf ab, der komplett von einem Zeltdach überspannt war, was an diesem Sonntag besonders sinnvoll war: Das gemächliche Rauschen, zu dem wir morgens aufgewacht waren, stammte nicht von dem kleinen Bach, sondern von einem dichten, grauen Regen, der auch den ganzen Vormittag anhielt. Unter dieser Zeltkuppel und davor, mit eigenen Schirmen, standen an die zehn Stände und davor lange Schlangen von Leuten, die geduldig warteten. Die meisten schienen sich zu kennen, viele Familien mit Kindern, einige Touristen, dazwischen große, zottige Hunde, und, was auffiel, auch einige bedreadlockte Hippies – über die wir später lernten, dass man sie auf Französisch baba cools nennt und dass von den lokalen baba cools die maßgebliche Initiative zu diesem Sonntagsmarkt ausgegangen sei, der wie gesagt, neben zwei kleinen Einkaufsläden (Supermarkt kann man sie gar nicht nennen), die Versorgungsquelle der Bewohner von La Brigue, Tende und den umliegenden Orten ist.

Mit unseren Einkäufen, die unseren sowieso schon gut bestückten Vorrat ergänzen würden, fuhren wir den steilen Weg wieder nach oben. Am Vorabend, also am Tag unserer Ankunft, waren wir diesen bereits im Stockdunkeln zu Fuß hochgestiegen. Als wir in La Brigue eine Kaffeepause eingelegt hatten, waren wir auf ein Plakat aufmerksam geworden, das die Nuit européenne des musées bewarb. Also machten wir uns abends auf den Weg zurück ins Dorf und besichtigten das Museum, La „Maison du Patrimoine Brigasque“, wo vor allem die Geschichte der lokalen Landwirtschaft und Imkerei dar- und Orgeln ausgestellt wurden, oft akustisch untermalt. Mir total neu war die Tatsache, dass es eine eigene Sprache in der Region gibt, das Niçois oder Nissart, das auch noch viele Unterkategorien hat, wie das Brigasque, das in La Brigue gesprochen wird oder wurde. Es gibt unzählige Vereine und Initiativen in der ganzen Region, die sich dem Lebendighalten dieser Sprache(n) und lokaler Traditionen verschrieben haben. Der Höhepunkt dieser Nacht der offenen Tür, zu dem wir extra aus dem Museum herausgerufen wurden, war die Gelegenheit, mit einem Dutzend anderer Besucher ein cecrtificat d’études zu erwerben. Das war wohl früher so eine Art Schulabschluss, der bezeugte, dass man lesen, rechnen und schreiben konnte.

Wir wurden also auf eine Bank an einen Tisch gesetzt und konnten zwischen einer Feder mit Tintenfass oder einem Kuli wählen. Und dann gab es ein Diktat. Jeder Satz wurde mehrfach, ganz langsam und mit Satzzeichen vorgelesen. Mich hat am meisten beeindruckt oder eher gewundert, wie ernst die Anwesenden dieses Diktat zu nehmen schienen, sich sorgenvoll meldeten, um mitzuteilen, dass sie nicht mitgekommen seien oder argwöhnisch aufpassten, dass der Sitznachbar nicht abschrieb. Anschließend wurde der Text ausgeteilt – sowohl Mustafa, als auch ich hatten natürlich sehr viele Fehler! Französisch ist doch tückisch, was die Rechtschreibung angeht… Ich wusste aber schon vorher von meinen Kolleginnen, dass Diktatschreiben ein richtiges Hobby in Frankreich ist: Es werden öffentliche Diktate in verschiedenen Schwierigkeitsstufen angeboten, zu denen man sich anmelden und zum eigenen Vergnügen teilnehmen kann! Dieses Diktat war jedoch nur kurz und auch nur ein Teil der Prüfung, denn danach gab es noch Grammatikfragen zu beantworten und mathematische Textaufgaben, die auf Französisch problèmes genannt werden (und an denen ich merkte, dass ich nicht mehr weiß, wie man mehrstellige Zahlen händisch multipliziert oder dividiert). Am Ende unterhielten wir uns noch mit zwei Damen, die die Veranstaltung mit organisiert hatten und beantworteten das erste von vielen Malen in diesem Urlaub die Frage, woher unser „petit accènt“ komme. Ein Zertifikat haben wir nicht gekriegt! (Die anderen aber auch nicht, glaub ich…)

Danach liefen wir die unbeleuchtete Straße nach oben und hatten dabei die Gelegenheit, viele, viele lucioles, also Glühwürmchen zu sehen. Sie waren viel grösser als die, die ich aus Göttingen kannte und glühten auch nicht, sondern blinkten. Ein sehr schöner Anblick, der sich uns auch von der Terrasse aus an allen folgenden Abenden präsentierte. Draußen sitzen konnten wir abends aber nicht wirklich, denn es wurde ziemlich kühl. Zweimal taten wir es trotzdem, denn es gab einen Holzkohlegrill, den wir erst benutzten, um marinierte Aubergine, Zucchini und Kartoffeln zu grillen, und dann, um Hände und Füße zu wärmen und unterm Sternenhimmel in der Glut herumzustochern.

Abgesehen von dem ersten Regenmorgen erwartete uns sonst jeden Tag ein strahlendblauer Himmel. Mein Vergnügen war es dann, in ein Becken hinterm Haus zu steigen, ein ausgebaggerter und mit einer Plane ausgekleideter Teich, in dem das Quellwasser aus dem Berg gesammelt wurde, um damit die umliegenden Felder zu bewässern. Bis vor einigen Jahren tat das wohl noch das Paar, das unsere und zwei weitere gîtes vermietete. Inzwischen haben sie ihren Hof an les jeunes übergeben, die sich jetzt um die ringsum liegenden Zucchini-, Zwiebel-, Gurken- oder Salatfelder und –beete kümmern. Das Wasser war natürlich ziemlich frisch, das Reingehen kostete immer Überwindung. Aber dann war es wirklich schön, inmitten der Berge und des Grüns von Garten und Feldern ein paar kleine Runden zu drehen. Das Wasser teilte ich mir mit sehr, sehr vielen Kaulquappen und zwei Fischen, die sich aber diskret zurückhielten, wenn ich kam, also die Fische, die Kaulquappen zeigten sich von meiner Anwesenheit eher unbeeindruckt. Einmal saß auch eine sehr dicke Kröte in einer der Falten der weißen Folie, eine ehemalige Kaulquappe also, die ich aber später nicht mehr sah, offenbar hatte sie ihren Weg aus dem Wasser irgendwie gefunden.

Dieses Baden war für die kurze Zeit unseres Aufenthalts ein schönes Morgenritual, nach dem ich dann in der Sonne auf unserer Terrasse trocknete und las und einen Kaffee trank. In der Woche habe ich drei Bücher gelesen (eins davon ganz dünn), von dem mir am besten „Née quelquepart“ gefiel. Die Autorin Michèle Halberstadt spürt den Wurzeln ihres Namens, bzw. ihrer Familie nach und recherchiert gleichzeitig viel zu Sigmund Freud, weil der Urheber dessen bekanntester Fotografien Max Halberstadt hieß und eine Freud-Tochter heiratete. Ein Enkel Freuds ist Lucian Freud, der Künstler war. Ich habe in diesem Buch zum ersten Mal von ihm gelesen. Um, wie es der Zufall wollte, am nächsten Tag in Tende, dem Nachbardorf, mit einem Künstler ins Gespräch zu kommen, der Porträts „in der Tradition der Schule Lucian Freuds“ malte. Vor einem davon, das in einem Schaufenster ausgestellt war, war ich stehengeblieben und er winkte mich zu einem seitlich gelegenen Eingang, wo er mir erklärte, die zu Straße gehende Tür wegen der Bauarbeiten ( à Sturm Alex) geschlossen zu halten, und mich einlud, sein Atelier anzusehen. Dort hingen weitere Porträts von Personen, die alle in demselben grünen Sessel, der auch tatsächlich mit Farbklecksen übersät im Raum stand, posierten. Verschiedene Modelle oder dasselbe zu verschiedenen Zeitpunkten vor demselben Hintergrund zu malen, so habe ich es jedenfalls verstanden, sei wohl das Kernelement dieser Freud’schen Schule und habe zum Ziel, sich stärker auf die Persönlichkeit des Modells zu konzentrieren. Das erzählte mir der Künstler, Florent Espana, und auch dass er kurz vor dem Sturm mit seiner Frau, die nun das Archäologiemuseum im Ort leite, hergezogen sei, (dass sie geblieben sind, wurde ihnen hoch angerechnet, erfuhr ich aus einem anderen Gespräch später am Tag!) und wie er Bilder verkaufe (vorwiegend in Galerien in Paris oder Lyon, aber auch in Tende habe er schon sechs Stück verkauft, was er sich vorher nicht habe träumen lassen). Ich habe kein Bild gekauft, mich aber über die interessante Unterhaltung gefreut. (Den Künstler sollten wir an den Folgetagen noch zweimal wiedersehen, einmal beim Brotkaufen in der einzigen Bäckerei vor Ort und einmal , als wir uns vor einem heftigen Gewitter mit Platzregen in eine Art Geräteschuppen untergestellt hatten und er – als der Regen etwas nachgelassen hatte – mit einem am Rucksack befestigten Klappspaten aus dem Wald kam…)

Am selben Tag hatten wir noch ein weiteres nettes Gespräch. Mustafa hatte einen langen Zoomtermin, für die er eine stabile Internetverbindung brachte, die er in der lokalen Mediathek fand. Deren Leiterin (sehr gelassen –  als Mustafa ihr sagte, er habe eine Konferenz und brauche dafür einen Ort, antwortete sie: Kein Problem, wie viele kommen denn noch?) war es, die uns viel über die Dynamik in den Bergdörfern vor und nach dem Sturm erzählte (und in diesem Zusammenhang das Wort baba cools beibrachte). Sie berichtete uns, dass sich in der weiterführenden Schule Jugendliche aus La Brigue und Jugendliche aus dem 3 km entfernten Tende eher distanziert gegenüberstünden. Und dass nach dem Sturm viele junge Leute gekommen seien, um als Freiwillige den Wiederaufbau zu unterstützen. Nicht wenige von ihnen seien darüber hinaus geblieben und das, sowie die Solidarität, die nach der Katastrophe entstanden sei, sorgen nun für eine sich verändernde Atmosphäre. Sie selbst sei vor 20 Jahren aus Paris hergezogen. Ihre hier aufgewachsenen Kinder liebten Paris, könnten sich aber nicht mehr vorstellen, im Norden Frankreichs zu leben, da sie die Sonne gewöhnt seien…

Während uns also viele nette Menschen in dieser Woche begegneten, sahen wir auch deutlich mehr und interessantere Tiere als im Alltag: Zweimal krochen Nacktschnecken aus dem Abfluss in der Küche, ein Tausendfüßler kletterte an der Wand lang, neben ihm ein Grashüpfer, draußen entdeckten wir viele Eidechsen, Blindschleichen, halbwilde und zahme Katzen, viele unterschiedliche und auffällig schöne Schmetterlinge, Hühner (denen man Gemüseschalen bringen konnte, auf die sie sich mit großer Begeisterung stürzten), zwei riesige Hütehunde, von denen der schwarze mühelos über das Tor setzte und der weiße es einfach mit der Nase aufschob (aber nur, um uns freundlich wedelnd zu begrüßen), Fledermäuse, ein Reh, einen Feuersalamander und ein Insekt, das aussah, als käme es aus Star Wars und von dem wir glaubten, es vielleicht neu entdeckt zu haben, das sich dann aber doch als Larve des Tatzenkäfers herausstellte.  Achja, und eine Zecke, die sich in Mustafas Unterschenkel verbissen hatte und die er sich ganz professionell im Krankenhaus, an dem uns unsere Wanderung vorbeiführte, ziehen ließ.

Es gäbe mehr zu erzählen, von den kleinen Wanderungen, die wir unternommen haben und dem Archäologiemuseum, Aerobic auf dem Dorfplatz, Pizza und Tiramisu, der angenehmen Gewohnheit des Apéro, Notre Dame des Fontaines, unseren Gastgebern, die als Hausbesetzer ihr Leben auf diesem schönen Fleck Erde begonnen haben und er, dessen Hobby im Ruhestand nun Pfeifenschnitzen ist und natürlich auch von den Tagen, die wir anschließend an der Côte d’Azur verbracht haben…

Aber für eine Postkarte ist dieser Text schon sehr lang geworden und das Verhältnis Text/Bild stimmt auch nicht… 

Viele Grüsse,
Antonia

 

1 Kommentar

  • Liebe Antonia, vielen Dank für den Reisebericht. Das klingt nach einem schönen Urlaub und da hättest du sicher einige Postkarten für gebraucht, um das auf den Weg zu bringen ;-).
    Getaround habe ich in der Phase ohne Auto in Wien auch öfter benutzt und es hat immer gut geklappt. Dieses Prinzip der temporären Websites kannte ich noch nicht.

    Arthur und ich sind schon in Wohltorf, Gustav ist bei seinem Freund Joost bei dessen Vater in der Nähe von Lüneburg und kommt heute wieder. Ich bin noch bis Sonntag hier und fahre dann mit dem Autoreisezug nach Innsbruck und dort weiter nach Wien. Für das Pack-Finale! Ich werde berichten, wie es uns dabei ergeht. Viele Grüße, Ingmar